13. August 2015 – Reportage Deutschlandfunk

Als wäre der Nachbar in Not geraten

Über die Hilfe für Flüchtlinge wird viel diskutiert, in manchen Orten kommt es auch zu Protesten gegen neue Unterkünfte. Aber es gibt auch weiter Orte wie Barnstedt in Norddeutschland, wo die Menschen einfach nur versuchen, den Neuankömmlingen zu helfen. Rechtfertigen muss sich hier keiner für seine Flucht.

Von Alexander Budde

Reportage "1 Jahr danach" von Alexander Budde
Reportage „1 Jahr danach“ von Alexander Budde ; klicken Sie hier um zu der Aufzeichnung der Reportage zu kommen.

An diesem Morgen sitzt Sami auf dem Sofa eines karg möblierten Wohnzimmers, der Fernseher läuft. Mit flinken Fingern drückt der Neunjährige die Tasten und Hebel seiner Spielkonsole. „Ich spiel gern Torwart und Mitte. Einmal haben wir gewonnen!“

Adam Hussein schaut zu, wie sein Sohn einen Fußball nach dem anderen durch das virtuelle Stadion kickt. Als es im Gasthof, wo die Flüchtlinge zuerst untergebracht waren, zu eng wurde, sind die beiden mit Unterstützung der Dorfbewohner in eine kleine Wohnung gezogen. Doch der Vater findet nachts keinen Schlaf und grübelt, wie es weitergehen soll. „Ich versuche, Sami zu beschäftigen. Wir spielen Fußball, wir reden – aber der Kleine stellt Fragen, die auch ich nicht beantworten kann!“

Hussein erzählt von seiner Flucht aus der Krisenregion Darfur im Sudan. Seine Frau hat der 38-Jährige am Strand zurückgelassen, zu groß war ihre Angst vor der Passage im Gummiboot über das Mittelmeer. Seit zwei Jahren schon hängt sie in Athen fest, kann ohne Pass nicht zu ihm und zu ihrem Kind gelangen. „Das ist die Mama, oder? Ja, meine Mutter.“

Die Dorfgemeinschaft hat durch Spenden einen Anwalt bezahlt, doch einen gesicherten Aufenthaltsstatus hat auch Hussein nicht. „Im Sudan können wir nicht leben, aber die deutsche Regierung glaubt uns nicht! Seit zwei Jahren stehe ich unter diesem Druck: Können wir bleiben, müssen wir gehen?“

Ein Zusammenleben von Tag zu Tag

Jens Thomsen hat nie gefragt, warum sein Nachbar geflohen ist. Der 62-Jährige wohnt dem Flüchtlingsheim direkt gegenüber in einem renovierten Fachwerkhaus. In dem ehemaligen Gasthof sind derzeit 15 Flüchtlinge untergebracht, aus dem Sudan, aus Eritrea, Somalia. Unter der Woche ist Thomsen beruflich mehr als 60 Stunden unterwegs. Nebenher fährt er Sami und die anderen Flüchtlingskinder zum Fußballtraining ins Nachbardorf. Gerade ist er dabei, ein zweites Benefiz-Musikfest für die Flüchtlinge auf die Beine zu stellen. Weit gereiste Rapper und Chansonniers bereiten sich auf ihren Auftritt vor, wie auch das dörfliche Blasorchester. Thomsen packt an: Er braucht keine Opfergeschichten, um mitzufühlen.

„Was wir an Hilfe leisten können, ist schon sehr viel neben dem ganz normalen Alltag, den man hat. Und das lässt uns nicht viel Zeit, hier in die politische Tiefe zu gehen. Ich persönlich lasse das gar nicht an mich ran, sondern es ist eigentlich ein Zusammenleben von Tag zu Tag – und das hilft ein wenig, nicht das Grauen zu sehen, was hinter möglichen Abschiebungen und anderem steht!“

Vor 13 Jahren ist der Werber aus Hamburg in das von allem weit abgelegene Barnstedt mit seinen kaum mehr als 700 Einwohnern gezogen. In der Dorfgemeinschaft ist die Gastfreundschaft Konsens, sagt Thomsen wie beiläufig. Gerade die Älteren seien für ihre zupackenden Initiativen bekannt. Nach dem Krieg waren hier schon einmal Flüchtlinge auf engstem Raum mit Kind und Kegel einquartiert. „Wir haben uns schlicht so verhalten, als würde ein Nachbar in eine Notsituation geraten sein. Und so ist daraus etwas entstanden, was eine neue Form von Nachbarschaft zustande gebracht hat. Und das Kennenlernen dieser hierher geflüchteten Menschen hat für mich auch sehr viel Neues in mein Leben gebracht. Ich habe einen großen Respekt vor der Art, wie der Islam diesen Menschen einen Halt gibt. Ich mag die Art, wie sie fröhlich sind, wie sie auch ein viel einfacheres Herangehen an Lebensformen haben als wir, die wir so hoch organisiert und hoch kompliziert eine Gesellschaft entwickelt haben.“

Mittlerweile hätte die Politik Lösungen finden müssen

Thomsen erzählt vom Lehrer-Ehepaar, das den Afrikanern zweimal die Woche Deutschunterricht gibt, während andere Dorfbewohner die Kinder hüten. Sie versuchen, das zu leisten, was die Behörden nicht schaffen: den 15 Flüchtlingen, die seit Ende 2013 in ihrem Dorf leben und zum Nichtstun verurteilt sind, das Leben zu erleichtern. Sie improvisieren, wie derzeit Tausende Freiwilliger im ganzen Land. „Mir steht es nicht an, die Menschen, die in der Bürokratie arbeiten, zu bewerten. Die sind komplett überfordert! Es gab überhaupt nicht ansatzweise irgendeine Planung, wie mit den Flüchtlingen umzugehen sei“, sagt Thomsen im nüchternen Tonfall des norddeutschen Vernunftmenschen. Die deutsche Diskussion um angeblichen Asylmissbrauch und die Grenzen der Belastbarkeit beschämt ihn gleichwohl. „Wann immer ich von dieser Art der Unterscheidung höre, graust es mir und es überkommt mich eine Wut! Wer nimmt es wohl auf sich, unter Todesgefahr Flüchtlingsschiffe zu besteigen, unter Zurücklassung all dessen, was einen Wert haben kann: der Familie, der Heimat? Zu Anfang hätte man sagen können: ‚Wir sind davon überrollt worden!‘ Aber mittlerweile müsste es eigentlich Formen geben, wo die große Politik Lösungen findet!“

Es klingt wie eine Einladung in das kleine Dorf bei Lüneburg, wo sich kein Mensch für seine Flucht rechtfertigen muss, wo sie besonders eng zusammengerückt sind, wo sie nicht zurück, sondern nur nach vorn blicken.

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