15. Oktober 2015 – NDR Niedersachsen

Früher Gäste – heute Freunde

NDR151015
Früher Gäste – heute Freunde (Bild anklicken öffnet Originalartikel)
von Ann-Kristin Mennen

Als Adam Hassan und Jens Thomsen das erste Mal gemeinsam Tee trinken, sind sie einander fremd. Heute sind der Barnstedter und der junge Mann aus dem Sudan Freunde. „Adam trinkt seinen Tee mit sehr, sehr viel Zucker“, sagt Thomsen und zwinkert seinem Gegenüber zu. Nach einer jahrelangen Flucht findet Adam Hassan mit seinem Sohn Sami im November 2013 Asyl in Barnstedt im Landkreis Lüneburg. Seitdem hilft Jens Thomsen dem Flüchtling dabei, Fuß zu fassen. Sein aktuell drängendstes Anliegen: „Wir versuchen gemeinsam, ein Praktikum oder einen Job für Adam zu finden.“

Dorfbewohner kümmern sich um alles

Als vor zwei Jahren die ersten Flüchtlingsfamilien aus dem Sudan in die 800-Einwohner-Gemeinde kommen, ist die Hilfsbereitschaft vieler Barnstedter groß. Sie organisieren Fahrdienste, begleiten die Flüchtlinge zum Arzt, sammeln Fahrräder, organisieren Deutschkurse und verhandeln mit Behörden. Einen Sozialarbeiter gibt es anfangs nicht für die 15 Asylsuchenden – umso mehr sind sie auf die Hilfe der Dorfbewohner angewiesen. „Barnstedt ist für mich wie Familie“, sagt Hassan heute.

Kontakte von 2013 sind geblieben

Mittlerweile wohnt Hassan im Nachbarort Melbeck, weil sein Sohn dort die Schule besuchen kann. Auch die anderen Flüchtlinge der ersten Generation, wie die Barnstedter diejenigen nennen, die zuerst in den Ort kamen, sind mittlerweile umgezogen. Dorthin, wo die Kinder versorgt sind und die Eltern sich eine Arbeit suchen können. „Alle wollen hier weg“, sagt die Barnstedterin Vera Geldmacher. „Denn in Barnstedt ist der Hund begraben.“ Auch Geldmacher hat sich von Beginn an für die Flüchtlinge engagiert. Mit zwei Familien, die 2013 kamen, steht sie bis heute in engem Kontakt. Bei der Geburt eines Kindes war Geldmacher sogar dabei. „Die Familien leben jetzt in Lüneburg, aber ich bin dennoch Ansprechpartnerin für alle Probleme“, erzählt sie. Umso weniger Zeit bleibe für die, die nachkommen. „Irgendwann wird es zu viel und man merkt, dass man sich nicht um alle kümmern kann“, sagt Geldmacher.

Neu ankommende Flüchtlinge bleiben unter sich

Zu den Flüchtlingen, die derzeit in Barnstedt leben, haben die meisten Einwohner nur wenig Kontakt. „Das sind junge Männer, die viel unterwegs sind, und es gibt weniger Anknüpfungspunkte als bei Familien“, berichtet Heike Möhlmann, ebenfalls Unterstützerin der ersten Stunde. Die Willkommenskultur in Barnstedt sei unverändert gut, betont Möhlmann, die Hilfe werde aber weniger in Anspruch genommen. „The people here are ok“, sagt Hamse, ein junger Mann aus Somalia, der seit sieben Monaten in Barnstedt lebt. Dennoch nehme er jeden Tag den Bus nach Lüneburg. „The life in Barnstedt is difficult“, sagt Hamse. Adam Hassan nimmt oft den entgegengesetzten Weg. Er kommt gern nach Barnstedt zurück. Denn dort, wo er jetzt lebe, seien ihm die Menschen fremd, sagt er.

Der Ort engagiert sich für Neue und Ehemalige

In Barnstedt engagieren sich die Bürger unvermindert weiter, auch, wenn nicht mehr so schnell neue Freundschaften entstehen. Gemeinsam mit einem größeren Unterstützerkreis haben Jens Thomsen und Heike Möhlmann im September eine Benefiz-Musikmeile zugunsten der Flüchtlinge auf die Beine gestellt – mit 30 Bands, die in dem kleinen Ort im Feuerwehrheim oder in Vorgärten auftraten. „Ein Riesenerfolg“, schwärmt Thomsen. 10.000 Euro kamen so zusammen. Geld, das die Barnstedter ausgeben für Dolmetscher und Anwälte, aber auch für ganz alltägliche Bedürfnisse: „Wir wollen zum Beispiel das W-LAN für die Flüchtlinge verbessern“, sagt Thomsen. Die Einnahmen sollen dabei allen Flüchtlingen aus Barnstedt zur Verfügung stehen – denen, die jetzt hier sind und denen, die einmal hier waren: „Da machen wir keinen Unterschied.“

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